Patientenpartizipation im med. Entscheidungsprozeß

Datum 01.12.2001 15:03 | Thema: DEFAULT

Patientenpartizipation im medizinischen Entscheidungsprozeß

T. J. Doering, B. Steuernagel, C. Niederstadt, M. Konitzer, C. Goesmann, G.C. Fischer

Nieders. Ärzteblatt 2001/12


Einleitung

Patientenautonomie und Mitbestimmung im diagnostischen und therapeutischen

Entscheidungsprozeß ist zunehmendes Anliegen in der Patientenschaft. Initiiert durch

Emanzipationsbewegungen der letzten 50 Jahre, die primär patienten-orientierten

Gesundheitskonzepte der WHO und nicht zuletzt auf Grund aufgedeckter Defizite der

Medizin verwirklicht sich die demokratische Leitvorstellung des mündigen Bürgers auch

zunehmend im Gesundheitswesen. Mündigkeit, Patientenkompetenz und die Möglichkeit zur

aktiven Mitgestaltung an der eigenen Gesundheit gehören dazu (vgl. z.B. SVRGA 2000/1

Bd.I).

Fragestellung und Methodik

Im Rahmen eines BMG geförderten Forschungsprojektes zur Patientenautonomie führten wir

eine Vorstudie mit der Frage durch, inwieweit die in allgemeinmedizinischer Weiterbildung

befindlichen Ärzte den Patienten aktiv in den medizinischen Entscheidungsprozeß zu

integrieren versuchen. Ziel der Untersuchung war, Aufschluß über die Modalitäten der

Entscheidungsfindung zu erhalten. Mit Hilfe eines standardisierten Fragebogens wurden 40

Ärzte zu den Themen der vermuteten Patientencompliance und zu ihrem Beratungsverhalten

befragt.

Ergebnisse

Hinsichtlich einer Compliance-Einschätzung gaben 46 Prozent der Ärzte an, daß sie

annehmen, daß ihre Patienten nur in max. 50 Prozent der Behandlungsfälle die verordnete

Therapie befolgen würden (Abb. 1). 50 Prozent der Ärzte gaben an, daß nach ihrer

Einschätzung Patienten vom Arzt eine klare Therapieanweisung erwarten und nicht

unbedingt in die Entscheidungsfindung einbezogen werden wollen (Abb. 2). 60 Prozent der

Ärzte streben trotzdem an, dem Patienten mehrere therapeutische Möglichkeiten

aufzuzeigen (Abb. 3). 2/3 der Ärzte schätzen den Zeitaufwand dafür aber als sehr hoch ein

und gehen davon aus, daß er sich kaum auf Dauer in den Sprechstundenalltag integrieren

läßt (Abb. 4).

Diskussion

Bei einer repräsentativen Umfrage unter potentiellen und tatsächlichen Patienten stimmten

82 Prozent der Befragten der Aussage zu, daß Patienten bei jeder Krankheit selbst

entscheiden können sollten, ob eine bestimmte Behandlung durchgeführt und wann sie

abgebrochen werden soll (Kaiser et al., 1996).

Demgegenüber nehmen nur 50 Prozent der Ärzte in unserer Befragungsstudie an, daß ihre

Patienten in die medizinische Entscheidungsfindung einbezogen werden wollen. 50 Prozent

der Ärzte dieser Erhebung nehmen an, daß Patienten in erster Linie klare

Therapieanweisungen vom Arzt erwarten. Auch wenn es sich bei unserer Befragung um eine

nicht repräsentative Stichprobe im Rahmen einer Pilotstudie handelt, gibt sie die Tendenz

der Ärzte wieder, das Bedürfnis der Patienten nach Gleichberechtigung und Autonomie im

medizinischen Entscheidungsprozeß zu unterschätzen. "Patientenautonomie" geht über das

Diktum der "patienten-orientierten" Medizin hinaus. Eine "Patientenorientierung" wird aus der

Perspektive der Anbieter von Gesundheitsdiensten erzielt, indem auf die Angemessenheit

und Effektivität der Behandlung eingegangen wird. Patientenautonomie ist demgemäß über

die reine "Patientenorientierung" hinaus konstituiert durch die Merkmale Mitentscheidung und

Mitgestaltung am eigenen Behandlungsverlauf und beinhaltet die Komponenten:

• Entscheidungskonsens zwischen Patient und Arzt für oder gegen bestimmte Interventionen

• gemeinsame Steuerung des Behandlungsverlaufs durch den behandelnden Arzt und den

Patienten

Beides setzt voraus:

• Vertrauensvolle Patienten-Arzt-Beziehung

• Sachgerechte und verständliche Information der Patienten

• Berücksichtigung der Patientenpräferenzen, aber auch deren Vorstellungen und

Erwartungen

• Kompromißfähigkeit von Arzt und Patient (Geisler, 1987, S. 173).

Weiterhin zeigen Studien, daß bei einem patienten-orientierten Vorgehen medizinische

Vorgaben, wie z.B. Evidenz basierte Leitlinien, vom Arzt u.U. nicht eingehalten werden

können, da patienten-bezogene Zusatzfaktoren, wie hohes Alter, Multimorbidität, mentaler

Zustand (z.B. Demenz) oder soziale Faktoren eine strikte Durchsetzung der Evidenz

basierten Leitlinie aus Ansicht des Patienten – und im Sinne des "shared-decision-making" –

auch des Arztes – verbieten (James et al., 1998). Solche Studien zeigen, daß in der

Versorgungspraxis ein merklicher Spielraum bestehen muß, der dem Arzt die Freiheit gibt, in

gemeinsamer Entscheidung mit dem Patienten zu einem eigenständigen Umgang mit den

wissenschaftlichen Vorgaben der Medizin im konkreten Fall zu kommen.

Über den Bias dieser Erhebung sind wir uns bewußt, es handelt sich im wesentlichen um

jüngere Ärzte, die in der Regel überwiegend als Weiterbildungsassistent hausärztlich tätig

sind und daher den ökonomischen Zwängen der Praxisführung noch nicht in üblicher Weise

ausgesetzt sind. Dennoch konnten die Ergebnisse Tendenzen und Erfordernisse deutlich

machen.

Schlußfolgerungen

Integration des Patienten in den ärztlichen Entscheidungsprozeß wird von den angehenden

Allgemeinärzten nur zum Teil angestrebt, der Schwerpunkt wird auf Informationsvermittlung

gelegt, gleichzeitig wird die Umsetzung in den Sprechstundenalltag problematisiert. (Die

Angaben in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis.)

Literaturverzeichnis bei den Verfassern bzw. im Internet:

www.haeverlag.de/nae

Anschrift für die Verfasser:

Priv.-Doz. Dr. Thorsten Doering

Abt. Allgemeinmedizin

Medizinische Hochschule Hannover

Carl-Neuberg-Str. 1

30625 Hannover





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