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Aktuelles

Lesen Sie hier aktuelle Informationen zu gesundheitspolitischen Themen der ÄKN und Berichte zu aktuellen Förderprojekten und der Arbeit der Gesellschaft der Freunde der MHH.

 AKTUELLES

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Veranstaltungen

DEFAULT : „Folgen von Armut, Trauma und Flucht im deutschen Gesundheitswesen“
16.06.2007 13:22 ( 1078 x gelesen )

Vortrag von Dr. med. C. Goesmann, Hannover

Vizepräsidentin der Bundesärztekammer

Am 16. Juni 2007 an der Medizinischen Hochschule Hannover


Sehr verehrte Vorsitzende, meine sehr geehrten Damen und Herren!

Als letzte Vortragende im Reigen der heutigen Referenten spreche ich zu

Ihnen zum Thema „Folgen von Armut, Trauma und Flucht im deutschen

Gesundheitswesen“. In der Menge wie in der Emotionalität erscheint mir

diese Thematik so umfangreich, dass ich mich auf einige wesentliche

Aspekte in aller Kürze beschränken möchte, um Ihnen Hinweise zu den

verschiedensten Problemen zu geben und auf derzeitige Lösungsstrategien

im deutschen Gesundheitswesen aufmerksam zu machen.

Ich werde zunächst auf die gesundheitlichen Folgen von Gewalt allgemein

eingehen, was uns als Ärztinnen und Ärzte und andere Behandler am

meisten interessieren dürfte. Anschließend folgen dann einige Aspekte

historischer und zeitgenössischer Folgen von Krieg, Flucht, Traumata und

Armut.

„Gewalt macht krank!“

Die bio- psycho- sozialen Auswirkungen von Gewalterfahrungen lassen

viele Betroffene den Weg in unsere Arztpraxen suchen. Daher sind

kriegerische Gewalt, Gewalt gegen Kinder, gegen Alte, gegen Frauen und

militärische, strukturelle, sexualisierte Gewalt immer wieder Themen bei

ärztlichen Symposien. Und wir wissen heute, dass früh erlittene Gewalt

nicht nur akut, sondern auch im großen zeitlichen Abstand zu erheblichen

gesundheitlichen Schäden führen kann. Da wir uns heute dem Thema

Gewalt auch aus der Geschlechterperspektive nähern wollen, lassen Sie

mich meine Recherchen zum Thema Schmerzsyndrome nach Gewalt an

Frauen vortragen:

Nach neuesten Zahlen haben 25 % der deutschen Frauen zwischen 16 und

85 Jahren einmal oder mehrfach körperliche Gewalt durch ihren

Lebenspartner oder andere Männer in der unmittelbaren Lebenserfahrung

erlitten. 64 % dieser Frauen trugen körperliche Verletzungen davon, das

entspräche etwa 16 % der weiblichen Gesamtbevölkerung in der BRD, und

immerhin 37 % dieser verletzten Frauen haben bei Ärztinnen und Ärzten

Hilfe in Anspruch genommen.

Wenn es um körperliche und/oder sexuelle Gewalt in sozialen und intimen

Beziehungen geht, sind zu über 95 % Frauen die Opfer und Männer die

Täter. Rund 9 % der deutschen Frauen zwischen 16 und 29 Jahren werden

in ihrem Leben mindestens einmal Opfer einer Vergewaltigung oder

sexuellen Nötigung, davon 2/3 innerhalb des Haushaltes und ihrer eigenen

Familie. Weitere 9 % der Befragten berichten über sexuellen Missbrauch in

der Kindheit. Auch hier kommen die Täter zum überwiegenden Teil aus

dem näheren sozialen Umfeld. Man kann davon ausgehen, dass jede 5.

Frau, die das Gesundheitswesen wegen gesundheitlicher Probleme aufsucht,

geschlechtsbezogene Gewalt erlebt hat oder erleben wird. Die Folgen dieser

früh oder später erlittenen Gewalt verursachen im Gesundheitswesen

immense Kosten. Exakte Berechnungen in den USA sprechen von

Folgekosten in Milliarden-Dollar-Höhe.

Uns interessieren aber nicht etwa nur die Folgekosten, sondern vielmehr die

Schicksale der betroffenen Frauen und ihre Traumamuster. Neben den

unmittelbar auftretenden Beschwerden, wie alle Arten von Verletzungen,

z.B. Hämatome, Schürfwunden, Prellungen, Quetschungen und Frakturen,

Brandwunden und psychischen Problemen, wie Schlafstörungen,

Albträumen und Depressionen, sehen wir auch die Langzeitfolgen. Nach

Angaben der Weltbank ist häusliche Gewalt an Kindern und Frauen

Ursache für jeden 5. Krankenstand. Als Langzeitfolgen gilt es zu nennen:

Die so genannte posttraumatische Belastungsstörung mit Angst- und

Panikattacken, Schlafstörungen, Depressionen, Essstörungen,

Suizidgedanken und Sucht in Form von Alkohol-, Tabletten- oder

Drogenabhängigkeit, darüber hinaus vor allem Störungen der Sexualität und

des Schlafes. Ferner wird über chronische Schmerzen, ganz typisch:

chronische Unterbauchschmerzen, darüber hinaus über Kopfschmerzen,

Gliederschmerzen, Rücken- und Muskelschmerzen, geklagt. Typisch sind

aber auch Thoraxschmerzen, Zahnschmerzen, sogar Luftnot und

Erstickungsanfälle.

Frauen, die als Kind regelmäßig geschlagen worden sind, leiden 11mal so

häufig an Gelenk- und Rückenschmerzen sowie Muskelverspannungen

gegenüber Frauen mit einer glücklichen Kindheit. Mädchen, die sexuell

missbraucht worden sind, leiden später an einem 3-fach erhöhten Risiko für

chronische Schmerzen. Und: Bei fast 50 % unserer Patientinnen mit

chronischen Rückenschmerzen - und Sie wissen alle, wie häufig das in der

täglichen Praxis vorkommt - finden sich massive Gewalterfahrungen in der

Vorgeschichte. Umfangreiche Gewalterfahrung beschreiben auch mehrere

Studien für Patienten und Patientinnen mit chronischem Gesichtsschmerz,

zu 60 % beklagen Fibromyalgie- Patientinnen frühe Gewalt und ebenso

viele Patientinnen mit chronischen Unterbauchschmerzen.

Zusammenfassend lässt sich hier sagen: Gewalt erzeugt chronischen

Schmerz! Misshandlungen leisten einen erheblichen Beitrag zur Entstehung

späterer chronischer Schmerzerkrankungen, und für uns als im

Gesundheitswesen Beschäftigte und Engagierte heißt das, immer wieder ein

Ohr für psychosoziale Ursachen als Grund chronischer Schmerzen zu

haben. Dies führt natürlich auch zu einer deutlichen Belastung für unsere

tägliche Arbeit, denn immerhin geben 40 % unserer erwachsenen

Patientinnen und Patienten chronische Schmerzen, 3,5 % gar schwerste

chronische Schmerzen an.

Lassen Sie mich hier noch einige nüchterne Zahlen hinzufügen: Im Jahre

2000 registrierte das Bundeskriminalamt bei Straftaten gegen die sexuelle

Selbstbestimmung in 92 % weibliche Opfer bei vollendeten und in 95 %

weibliche Opfer bei versuchten Straftaten. Ca. 45.000 Frauen suchen pro

Jahr Zuflucht in den über 320 deutschen Frauenhäusern. Gegen Frauen

ausgeübte Gewalttätigkeiten finden hauptsächlich zwischen 18.00 Uhr

abends und 03.00 Uhr morgens statt, 7 % aller insgesamt 2000 im Raum

Göttingen aufgenommener Frauen mit Gesichtssch.delbrüchen erlitten

diese in Folge von durch Männer ausgeübte Hoheitsdelikte.

In Anbetracht all dieser Zahlen gibt es inzwischen nicht nur das bundesweit

existierende Gewaltschutzgesetz mit umfangreichen Schulungs- und

Schutzprogrammen von öffentlichen Behörden, Polizei bis hin zu Ärzteund

Psychotherapeutenkammer, sondern auch intensive Ausbildungs- und

Fortbildungsbemühungen für Studierende der Medizin und andere im

Gesundheitswesen beschäftigte Berufsgruppen. So gibt es

Weiterbildungsangebote für Arzthelferinnen, Klinikpersonal und ein

umfangreiches Fortbildungscurriculum für niedersächsische Ärztinnen und

Ärzte, das bei der Ärztekammer, Bezirksstelle Hannover angefordert

werden kann.

Folgen von kriegerischer, sexualisierter und struktureller Gewalt erleben

wir heute aber nicht nur bei jungen Frauen, Mädchen und Kindern.

Vielmehr entdeckt die Medizin im Moment die Generation derjenigen heute

betagten Frauen, die im zweiten Weltkrieg schwere traumatische

Erfahrungen machen mussten, und darüber hinaus die Generation der

anschließend geborenen Kinder, der Kriegswaisen, die ohne Vater

aufwachsen mussten.

Erst heute, 60 Jahre nach Kriegsende, wird als Erklärung bei psychisch

auffälligen alten Patientinnen oftmals ein traumabedingter Hintergrund

aufgedeckt, der in Gewalterfahrungen, Vergewaltigung, Zwangsprostitution

und Bombenterror während der letzten Kriegsjahre oder in den Jahren

danach gelegen hat. Ein halbes Jahrhundert später deckten jetzt

Journalistinnen und Historikerinnen die Existenz von Zwangsbordellen in

den Konzentrationslagern des Nationalsozialismus in Deutschland auf.

Zehntausende von deutschen Frauen wurden durch Angehörige der

alliierten Streitkräfte, in erster Linie durch Sowijetsoldaten, vergewaltigt.

Sich zu prostituieren, war für viele damals die einzige Chance, sich und

ihren Kindern zum Überleben zu verhelfen. Alle diese Frauen hatten nie die

Chance zu trauern, weil sie nicht darüber sprechen konnten und wollten. Sie

selbst haben ihre unvorstellbaren Gewalterfahrungen tabuisiert und aus

Scham über die erlittene Erniedrigung bis an ihr Lebensende geschwiegen.

Es bleibt nur zu vermuten, wie viele Fälle von schweren Depressionen und

Tablettenabhängigkeiten, die ja insbesondere als bei Frauen ab der

Lebensmitte gehäuft beschrieben werden, auch diesen traumatischen

Erfahrungen zugeschrieben werden müssen.

Ein weiteres Phänomen, das in den letzten Jahren Eingang in die

psychiatrische Fachliteratur gefunden hat, ist das Phänomen der

Entwicklungsstörung durch das Fehlen eines Vaters. Als besonders

dramatisch gelten die Folgen der kollektiven Väterlosigkeit der Generation

von Nachkriegskindern. Hier sei daran erinnert, dass in Folge des zweiten

Weltkrieges und der zivilisatorischen Katastrophe des Nationalsozialismus

fast 5 Millionen deutsche Männer als Soldaten starben. Dies sind 6 Jahre

hinweg jeden Tag 2.500 Männer und Väter gewesen. Nach dem Kriege

befanden sich Millionen deutscher Soldaten in Kriegsgefangenschaft.

Diejenigen, die zurückkehrten, waren dann häufig so schwer traumatisiert,

dass sie in ihren Familien Fremde blieben oder die Familie sich von ihnen

trennte. Für zahlreiche Kinder der Kriegs- und Nachkriegszeit in

Deutschland bedeutete dies eine Kindheit ohne Vater, und Ungezählte

hatten eine gestörte Beziehung zu einem kriegstraumatisierten Vater. Die

psychischen Folgen dieser kriegsbedingten Traumatisierungen sowohl bei

den Vätern, als auch bei deren Kindern wurden in Deutschland nicht

systematisch erforscht. Eine bekannte Langzeituntersuchung – die

Mannheimer Kohortenstudie von 1987 bis 2000 – ergab als wesentliche

Aussagen, dass die Kinder der Geburtsjahrgänge 1935 – 1945, denen in den

ersten 6 Lebensjahren der Vater fehlte, noch mehr als 50 Lebensjahre später

ein deutlich höheres Risiko für psychische und psychosomatische Störungen

aufwiesen, als die Kinder der selben Jahrgänge, die einen konstanten

Kontakt zu ihrem Vater hatten. Väterliches Engagement ist besonders bei

Vorschulkindern positiv für die soziale und kognitive

Kompetenzentwicklung sowie für Empathieentwicklung und späteren

Schulerfolg, genauso wie für die Verinnerlichung moralischer Standards.

Unbewusst übernommene Bilder vom eigenen Vater erweisen sich als

identitätsbildend und referenziell für die Bewältigung von Krisen und

eigenen Konflikten im späteren Leben. Entsprechende

Entwicklungsstörungen haben neben den damals erlittenen Kriegstraumata

aber nicht nur die Generation der ohne Vater aufgewachsenen Kriegs- und

Nachkriegskinder geprägt.

Auch heute sind in Deutschland mehr als die Hälfte minderjähriger Kinder

durch die Folgen von Scheidung und Trennung der Eltern betroffen. Hier

folgen psychiatrische Störungen nicht nur durch das fehlende Vatervorbild,

sondern es belegen zahlreiche Studien auch das erhöhte Armutsrisiko von

allein erziehenden Frauen. Armut, soziale Randständigkeit, Rollenbrüche

und beeinträchtigte Bildungs- und Berufsmöglichkeiten sind bei allein

erziehenden Müttern deutlich häufiger vertreten als bei verheirateten. Die

heutzutage weithin beklagte Kinderarmut findet sich vor allem in Familien

mit allein erziehenden Müttern. Den ganzen Reigen gesundheitlicher und

sozialer Störungen als Folge von Armut in unserer Gesellschaft

darzustellen, würde unseren heutigen Rahmen absolut sprengen. Lassen Sie

mich nur darauf hinweisen, dass nach heutigen Statistiken Menschen, die

unter der Armutsgrenze und in bescheidenen sozialen Verhältnissen leben,

eine reduzierte Lebenserwartung von 7 Jahren gegenüber gut situierten

Deutschen haben! Und lassen Sie mich an dieser Stelle darauf hinweisen,

dass die Bundesärztekammer und die Ärzteschaft insgesamt sich anlässlich

der letzten Ärztetage besonders dieser Themen angenommen haben. So war

im letzten Jahr „Armut und gesundheitliche Folgen“, in diesem Jahr

„Vernachlässigung und Gewalt gegen Kinder“ das medizinisch- soziale

Leitthema des jeweiligen Deutschen Ärztetages, um die Öffentlichkeit eben

auch von unserer Seite aus für diese Problematiken zu sensibilisieren und

entsprechende Forderungen an die Politik zu richten.

Als letztem dieser wichtigen Themen möchte ich mich dem Schicksal

traumatisierter Flüchtlinge in Deutschland widmen.

Tausende von Ausländern stellen jährlich in der Bundesrepublik einen

Asylantrag. Hier nur einige Zahlen dazu: Im Zeitraum von Januar bis

August 2005, also in 6 Monaten, hatte das Bundesamt über die Anträge von

32.300 Personen zu entscheiden. Als Asylberechtigte anerkannt wurden

hiervon 318 Personen, das sind genau 1 %. Abschiebungsschutz erhielten

weitere 1.500 Personen = 5 %, abgelehnt wurden die Asylanträge von

18.000 ausländischen Menschen, das sind 56 %. Bei 38 % der Asylanträge

erledigte sich das Verfahren anderweitig, z.B. durch Rücknahme des

Antrages. Nach verschiedenen Untersuchungen aus den Jahren 2001 und

2002 zeigen 50 % - 70 % der politischen Flüchtlinge Traumafolgen,

insbesondere eine posttraumatische Belastungsstörung, 50 % und mehr sind

betroffen von Folter und Gewalterfahrungen. Da offensichtlich nur 1 %

aller Asylanträge sofort positiv beschieden werden, steht der Großteil der

Flüchtlinge, die aus Kriegsgebieten nach Deutschland kommen, vor einer

ungewissen Zukunft. Auf viele wartet ein oft entwürdigendes

Asylverfahren. Die ungewisse Zeit des Wartens ist fast immer von

Zukunftsängsten begleitet, was die bestehenden psychischen Störungen

nicht selten noch verstärkt und chronifiziert. Seit Jahren besteht für

Ärztinnen und Ärzte ein Konflikt zwischen ärztlich- ethischem und

beruflichem Auftrag bei der Untersuchung und Begutachtung dieser

Kranken und ggf. traumatisierten ausländischen Flüchtlinge, wenn bei

diesen Ausreisepflicht durch Behördenbescheid besteht, und sie, sofern sie

nicht freiwillig ausreisen, von der zwangsweisen Abschiebung bedroht sind.

Nach dem Ausländergesetz müssen inzwischen Ärztinnen und Ärzte

lediglich die Flug- bzw. Reisetauglichkeit bestätigen. Üblicherweise wollen

Ärztinnen und Ärzte nach ihrem Selbstverständnis jedoch eine

Stellungnahme zur Gesamtsituation nach einer sorgfältigen, ganzheitlichen

ärztlichen Untersuchung dieser abzuschiebenden Patientinnen und Patienten

abgeben. Viele der Betroffenen, für die Reisetauglichkeit bestätigt werden

muss, entziehen sich der drohenden Abschiebung durch Untertauchen und

gehören zu der nicht unerheblich großen Gruppe von so genannten

Illegalisierten, d.h. Menschen ohne Papiere, die sich inzwischen in der

Bundesrepublik aufhalten.

Für Ärztinnen und Ärzte ergeben sich daher 3 Gruppen von Patientinnen

und Patienten, die besondere Anforderungen an ärztliche Kunst bzw. an

unser Gesundheitswesen stellen:

1. Migranten ohne Flucht- und Traumahintergrund, die aber aufgrund ihrer

sprachlichen und kulturellen Barrieren eine besonders intensive Form der

gesundheitlichen Zuwendung benötigen.

2. Psychisch traumatisierte Flüchtlinge, die sich legal in der BRD aufhalten,

der deutschen Sprache in den allermeisten Fällen nicht mächtig sind, und

die durch ihre besonderen leidvollen Erlebnisse im Krieg, im Gefängnis

oder auf der Flucht vielfältige, tief eingegrabene psychische und

psychosomatische Störungen offenbaren. Oft durchleiden sie dazu noch ein

entwürdigendes Asylverfahren und die ungewisse Zeit des Wartens auf die

Verwaltungsentscheidung verstärkt ihre Störungen und Beschwerden.

3. Noch schwieriger gestaltet sich die Versorgung von illegal in der BRD

lebenden Flüchtlingen, die hier keinerlei Recht auf eine reguläre

Versorgung in unserem Gesundheitswesen haben und von Abschiebung

bedroht sind, sobald sie sich in die Institutionen unseres

Gesundheitswesens, z.B. in Krankenhäuser oder zum öffentlichen

Gesundheitsdienst begeben. Nach der derzeitigen Gesetzeslage können sich

sogar Ärztinnen und Ärzte, die aus humanitären Gründen und ihrem

ärztlichen Ethos verpflichtet diesen Personkreis behandeln, strafbar machen.

Beides führt dazu, dass sich Illegalisierte i.d.R. viel zu spät oder gar nicht in

ärztliche Behandlung begeben. Flüchtlingsorganisationen und Kolleginnen

und Kollegen berichten immer wieder über desolate Fälle verschleppter

Erkrankungen bei Menschen ohne Papiere.

Verschiedenste ärztliche und humanitäre Organisationen haben es sich

daher in der BRD zur Aufgabe gemacht, von sexualisierter Kriegsgewalt

Betroffenen, psychisch traumatisierten Flüchtlingen und Illegalisierten eine

entsprechende Gesundheitsversorgung anzubieten. Als Hilfsorganisation für

von Kriegsgewalt betroffenen Frauen und Mädchen sei vor allem Medica

mondiale genannt.

Bundesweit gibt es 15 Behandlungszentren für Folteropfer und

Kriegstraumatisierte, bisher jedoch keines in Niedersachsen. Da wir in

unserem Bundesland mit etwa 25.000 geduldeten Flüchtlingen und

hierunter mindenstens 5.000 mit einschlägigen Krankheitsbildern rechnen

müssen, haben wir auf Anregung von Amnesty International hin vor 2

Jahren ein Netzwerk zur Behandlung traumatisierter Flüchtlinge in

Niedersachsen, kurz das NTFN gegründet. Teilnehmerinnen an diesem

Netzwerk sind Vertreter der Ärztekammer Niedersachsen, der

Psychotherapeutenkammer, des Zentrums für Psychotraumatologie und

Traumatherapie Nds., des Flüchtlingsrates und der Medizinischen

Hochschule Hannover. Über Aufrufe in den Zeitschriften der Ärztekammer

und der Psychotherapeutenkammer konnten landesweit über 70

Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten gewonnen werden, die

Psychotherapieplätze für traumatisierte Asylsuchende und Flüchtlinge

anbieten und die bereit sind, sich auf die damit verbundenen

Schwierigkeiten, z.B. Psychotherapie mit Dolmetschern und unter

ungesicherten finanziellen Rahmenbedingungen, einzulassen. Im Jahre 2006

konnten wir über das NTFN etwa 200 Anfragen nach Psychotherapieplätzen

für diesen Personenkreis erfolgreich vermitteln. Der Flüchtlingsrat Nds.

vermittelt durchschnittlich 4-5 solcher Plätze pro Woche, regelt die

Kostenübernahme und die Dolmetschersuche. Darüber hinaus haben wir

vom NTFN aus inzwischen 3 sehr gut besuchte ganztägige Fortbildungen

für Psychotherapeuten und andere Interessierte anbieten können. Die

Bundesärztekammer hat inzwischen ein Curriculum für diejenigen, die

psychisch Traumatisierte begutachten müssen ausgearbeitet. Dies wird

bundesweit als Fortbildung angeboten, damit Asylbewerber adäquat

diagnostiziert und unterstützt werden können.

Zuletzt lassen Sie mich ausführen, dass die Zahl der Illegalisierten, die sich

in unserem Gesundheitswesen behandeln lassen, völlig unklar ist. Trotz

vielfältiger Initiativen von IPPNW, Bundesärztekammer und anderen

Engagierten steht nach dem Asylbewerberleistungsgesetz Menschen ohne

Papiere zwar ärztliche Behandlung im Falle schwerer Erkrankung zu, aber

eben nur um den Preis der Aufdeckung ihres Aufenthaltstatus mit allen

Konsequenzen, namentlich der dann erfolgenden Abschiebung. Ich selbst

habe in meiner Allgemeinpraxis 2 Patientinnen und Patienten mit völlig

desolatem und hochinfektiösem Krankheitszustand behandeln müssen, die

viel zu spät sich uns anvertraut haben und tatsächlich hinterher auch einen

Abschiebebescheid bekamen. Die deutsche Ärzteschaft und die

Bundesärztekammer betonen daher ausdrücklich, dass gesetzlich

sichergestellt werden muss, dass medizinische Hilfe durch Ärztinnen und

Ärzte sowie medizinisches Personal nicht unter den Straftatbestand der

Beihilfe zum illegalen Aufenthalt fallen darf. Es ist für uns

selbstverständlich, kranken Menschen beizustehen, auch wenn sie keine

Aufenthaltsberechtigung haben. Das elementare Grundrecht auf eine

menschenwürdige Behandlung ohne Ansehen der Person schließt das Recht

auf ärztliche Behandlung in Notsituationen ohne Angst vor Abschiebung

ein. Wir brauchen Rechtssicherheit nicht nur für die erkrankten Personen,

sondern auch für die behandelnden Ärztinnen und Ärzte, wenn sie

Menschen ohne gültigen Aufenthaltstatus zumeist sogar auf eigene Kosten

und anonym versorgen.

Meine Damen und Herren, die Zeit reicht nicht mehr aus, um auch noch

adäquat auf die Probleme der Frauen mit weiblicher Genitalverstümmelung

und den hierbei erlitten Traumata einzugehen. Dies wäre vielleicht Inhalt

eines gesonderten Vortrages.

Dennoch hatten wir heute viele Stunden Zeit, das Schweigen über die

Folgen erlittener struktureller und militärischer Gewalt zu brechen. Als

Vertreterin der Bundesärztekammer freut mich besonders der

interprofessionelle Ansatz, die Möglichkeit, dass hier Ärztinnen und Ärzte

mit unserem Verständnis von der Medizin als einer sozialen Wissenschaft

gemeinsam in der Medizinischen Hochschule mit anderen Berufsgruppen

diskutieren können. Es gilt, ein Klima zu schaffen in unserer Gesellschaft,

das Gewalt nicht toleriert sondern diese ächtet. Denn: Gewalt macht krank!

Ich danke daher auch im Namen der Bundesärztekammer allen Beteiligten

für ihr ungewöhnliches Engagement und möchte meinen Vortrag mit einem

Gedicht des hannoverschen Arztes Gerhard Stübner beenden.

„Schrei

Hör den Schrei,

der zu Dir dringt,

hör ihn,

Auslaut des Lebens,

Mahnschrei der Qual,

höre ich

als Ruf nach Dir“

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!


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