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Aktuelles

Lesen Sie hier aktuelle Informationen zu gesundheitspolitischen Themen der ÄKN und Berichte zu aktuellen Förderprojekten und der Arbeit der Gesellschaft der Freunde der MHH.

 AKTUELLES

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Veranstaltungen

DEFAULT : Schmerz durch frühe Gewalt bei Frauen und Kindern
10.11.2006 13:25 ( 1477 x gelesen )

Vortrag von Frau Dr. Goesmann am 10.11.2006

Inwieweit werden Patientinnen und Patienten, die in Kindheit und Jugend Gewalt in ihrer

verschiedensten Form erlitten haben, später zu Schmerzpatientinnen und -

patienten 


„Später Schmerz - Frühe Gewalt“

Schmerz durch früh erlittene Gewalt bei Frauen und Kindern

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

sehr geehrte Damen und Herren,

Ich begrüße Sie herzlich! Ich werde der Frage nachgehen, inwieweit

Patientinnen und Patienten, die in Kindheit und Jugend Gewalt in ihrer

verschiedensten Form erlitten haben, später zu Schmerzpatientinnen und -

patienten werden, also Schmerzäußerungen verschiedenster Art gegenüber

ihren behandelnden Ärztinnen und Ärzten angeben.

Ich selbst bin seit 20 Jahren als Ärztin für Allgemeinmedizin mit der

Zusatzbezeichnung Psychotherapie in Hannover niedergelassen. Ich arbeite

primär hausärztlich, und trotz der Zusatzbezeichnung Psychotherapie

arbeite ich nicht im Rahmen der sogenannten Antragspsychotherapie,

sondern betreue, so gut es geht, meine eigenen Patientinnen und Patienten

ganzheitlich, auch im Sinne einer kleinen Psychotherapie in der Praxis.

Darüber hinaus bin ich berufspolitisch aktiv und Vizepräsidentin der

Bundesärztekammer.

In Niedersachsen habe ich bis vor 2 Jahren eine interdisziplinäre

Arbeitsgruppe, die ursprünglich vom Niedersächsischen Sozialministerium

ins Leben gerufen worden war, geleitet. Sie bestand aus Teilnehmerinnen

des Ministeriums, der Ärztekammer Niedersachsen, der

Psychotherapeutenkammer Niedersachsen, der Medizinischen Hochschule

Hannover, verschiedener Krankenkassen- vertreterinnen und unserer

Landesvereinigung für Gesundheit.

Unser Thema war „Gewalt gegen Frauen“ , vor allem häusliche Gewalt

gegen Frauen und Kinder. Wir haben in diesen Jahren umfangreiche

Arbeitsmaterialien erstellt, die von einem kleinen Flyer im

Checkkartengröße zur Information von betroffenen Frauen bis hin zu

Fortbildungsmaterialien und Dokumentationsbögen für Ärztinnen und

Ärzte, die mit gewaltbetroffenen Frauen konfrontiert sind, reichten und die

ich Ihnen, soweit noch verfügbar, in Kopie mitgebracht habe.

Aus dieser Arbeit heraus habe ich den heutigen Vortrag entwickelt der aus

einem theoretischen Teil und drei Fallbeispielen besteht, die ich in meiner

eigenen Praxis erlebt habe und behandele.

Nach neuesten Zahlen haben 25 Prozent der Frauen zwischen 16 und 85

Jahren ein oder mehrmals körperliche Gewalt durch ihren Lebenspartner

oder andere Männer in der unmittelbaren Lebenserfahrung erlitten. 64

Prozent dieser Frauen haben körperliche Verletzungen davongetragen, das

entspräche etwa 16 Prozent der weiblichen Gesamtbevölkerung der BRD,

und immerhin 37 Prozent dieser verletzten Frauen haben ärztliche Hilfe in

Anspruch genommen.

Wenn es sich um körperliche oder sexuelle Gewalt in engen sozialen und

intimen Beziehungen handelt, sind zu über 95 Prozent Frauen die Opfer und

Männer die Täter. Rund 9 Prozent der Frauen zwischen 16 und 29 Jahren

werden in ihrem Leben mindestens einmal Opfer einer Vergewaltigung oder

sexuellen Nötigung, davon 2/3 innerhalb des Haushaltes und der Familie.

Etwa ebenso viele Frauen, rund 9 Prozent der Befragten, berichten über

sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit. Auch hier kommen die Täter zum

überwiegenden Teil aus dem näheren sozialen Umfeld.

Gewalt gegen Frauen hat viele unterschiedliche Formen. Über 20 Prozent

aller Frauen haben geschlechtsbezogene Gewalt in einer Ausprägung

erlitten, die ihre Gesundheit beeinträchtigt.

Im Gesundheitswesen Beschäftigte gehen davon aus, dass jede fünfte Frau,

die das Gesundheits- wesen wegen gesundheitlicher Probleme aufsucht,

geschlechtsbezogene Gewalt erlebt hat oder erleben wird.

Wegen eines gewalttätigen Übergriffs durch ihren Mann oder Lebenspartner

suchen ca. 11 Prozent aller Frauen mindestens einmal das

Gesundheitssystem auf. Die Folgen dieser Gewalt verursachen im

Gesundheitswesen immense Kosten. Exakte Berechnungen gibt es nur aus

den USA, wo sich diese in Milliardenhöhe bewegen sollen.

Uns interessieren die gesundheitlichen Folgen von sexueller und

körperlicher Gewalt. Neben den unmittelbar auftretenden Beschwerden wie

allen Arten von Verletzungen, zum Beispiel Hämatome, Schürfwunden,

Prellungen, Quetschungen und Frakturen, Brandwunden finden sich

psychische Probleme, nämlich Schlafstörungen, Alpträume und

Depressionen.

Nach Angaben der Weltbank ist häusliche Gewalt an Kindern und Frauen

die Ursache für jeden fünften Krankenstand, und dies gilt sowohl für Frauen

in den Entwicklungs- als auch in Industrieländern. Kurz gesagt lässt sich es

so ausdrücken: Traumatische Erfahrungen haben eine Langzeitwirkung!

Als Langzeitfolgen von früher Gewalt, sei es in Form von sexuellem

Missbrauch oder körperlicher Gewalt durch Schläge, sozialer Gewalt, durch

Vorenthalten von Umgang mit anderen Kindern, oder gar psychischer

Gewalt durch verschiedenste Arten von Bestrafungen und Psychoterror,

lassen sich folgende Störungen und Krankheitsbilder nennen:

An erster Stelle die sogenannte posttraumatische Belastungsstörung mit

Angst- und Panikattacken, Schlafstörungen, Alpträumen, Depressionen,

Essstörungen, Konzentrationsstörungen, Störungen der Sexualität,

Suizidgedanken und Sucht in Form von Alkohol-, Tabletten- oder

Drogenabhängigkeit. Weiter werden geklagt: Chronische Schmerzen, vor

allem Kopfschmerzen, Gliederschmerzen, Rückenschmerzen und, ganz

typisch: chronische Unterbauchschmerzen. Darüber hinaus aber auch

Schmerzen im Brustkorb, Zahnschmerzen, uncharakteristische

Schmerzsyndrome und gar Luftnot und Erstickungsanfälle.

Frauen, die als Kind regelmäßig geschlagen worden sind, leiden 11 Mal so

häufig an Gelenkschmerzen, Rückenschmerzen und Muskelverspannungen

wie Frauen mit einer glücklichen Kindheit. Ein dreifach erhöhtes Risiko für

chronische Schmerzen tragen Frauen, die als Erwachsene sexuell

missbraucht worden sind. Bei fast 50 Prozent der Patientinnen mit

chronischen Rückenschmerzen finden sich massive Gewalterfahrungen in

der Vorgeschichte.

Umfangreiche Gewalterfahrungen werden auch in mehreren Studien für

Patienten mit chronischen Schmerzen im Gesichts- und Kieferbereich (hier

rund 50%) beschrieben. Zu 60 Prozent beklagen Fibromyalgiepatientinnen

frühe Gewalt, und mehr als 50% der Patientinnen mit chronischen

Unterleibsschmerzen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Gewalterfahrungen erzeugen

chronischen Schmerz. Misshandlungen leisten einen erheblichen Beitrag zur

Entstehung späterer chronischer Schmerzerkrankungen. Bei der Behandlung

von Schmerzpatienten muss bedacht werden, dass ein der bewussten

Kontrolle entzogenes Schmerzgedächtnis in späteren Belastungssituationen

zum Ausgangspunkt chronischer Schmerzen werden kann.

Für uns als Ärztinnen und Ärzte heißt das, immer wieder ein besonderes

Ohr für psychosoziale Ursachen als Grund chronischer Schmerzen zu

haben. Denn nach neueren Untersuchungen leiden 40 Prozent der

Erwachsenen an chronischen Schmerzen, 25 Prozent geben schwere, 3,5

Prozent gar schwerste chronische Schmerzen an.

Eine andere Untersuchung zeigte aber, dass bei mindestens 30 Prozent

dieser an psychosomatischen Störungen leidenden Patienten gravierende

Störungen des Arzt-Patienten- Verhältnisses auftreten, was meiner Ansicht

nach bedeutet, dass Ärztinnen und Ärzte immer noch nicht ausreichend

dafür geschult sind, bei chronischen Schmerzen nicht nur den ganzen, uns

allen bekannten, hochtechnisierten Abklärungsapparat laufen zu lassen,

sondern auch die psychosozialen Aspekte und Ursachen und Abgründe ihrer

Patientinnen anzunehmen und aufzudecken.

In diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen daher jetzt drei in den Kontext

passende Fallbeispiele vorstellen. 1. Fallbeispiel: Im letzten Jahr stellte sich

in meiner Sprechstunde ein 40-jähriger Familienvater vor, dessen gesamte

Familie inklusive Ehefrau und zweier halbwüchsiger bis erwachsener

Kinder ich seit mehreren Jahren immer wieder wegen kleinerer

Gesundheitsbeschwerden betreut hatte.

Er gab an, seit einigen Wochen unter fast unerträglichen Schmerzen in

beiden Beinen zu leiden, die er sich nicht erklären könnte, die in Ruhe

genauso schlimm seien wie nach Belastungen, und wegen derer er kaum

noch laufen könne, geschweige denn schlafen. Der Patient ging

demonstrativ an zwei Unterarmgehstützen, die er sich selber besorgt hatte

und erwartete von mir Abklärung und Beschwerdefreiheit.

Die daraufhin durchgeführte umfangreiche körperliche Diagnostik ergab

keinerlei Hinweise auf eine mögliche somatische Ursache seiner geklagten

Beschwerden, außer den Schmerzen wirkte der Patient auch sonst gesund

und fit und nicht beeinträchtigt. Sämtliche erhobenen Befunde waren

normal.

Die zugezogenen Fachärzte, Neurologin und Orthopäde, standen vor einem

Rätsel. Nachdem ich mehrere Gespräche mit Ehemann, Ehefrau und

restlicher Familie geführt hatte, wurden die geklagten Beschwerden

schließlich mit einer von der Ehefrau präsentierten psychosomatischen

Ursache erklärt: Der Patient habe unter einem Stiefvater gelitten, der ihn als

Kind mit massiver Gewalt überzogen hätte. Diese alten Traumata seien nun

anlässlich der schweren Erkrankung und des kürzlichen Todes dieses

Stiefvaters wieder aufgebrochen. Die ganze Familie habe aber nicht unter

dem Tod gelitten, sondern sich eher gefreut. Bei meinem Patienten seien

daraufhin als erneute Aufflackerung der früh erlebten Traumata die

Schmerzen ausgebrochen.

Ich nahm diese Deutung erst einmal hin und sorgte dafür, dass der Patient

mehrere Wochen therapeutischer Intervention in einer psychosomatisch

orientierten Klinik erhielt. Dies kostete einige Überredungskraft, weil (wie

immer) der Patient natürlich zunächst meinte, nicht verrückt zu sein, und

nicht in eine psychisch orientierte Klinik zu müssen.

Schließlich willigte er in die Therapie ein, kam sechs Wochen später mit

einer erheblichen Besserung seiner Beschwerden zurück und wurde von mir

daraufhin mehrere Monate lang nicht mehr gesehen.

Auch der zwischenzeitlich zugesandte Arztbrief der Klinik hob als Ursache

für die chronischen Schmerzen auf die früh erlittenen gewalttätigen

Attacken des Vaters und Stiefvaters ab. Mir kam das ganze aber nicht

glaubhaft und irgendwie konstruiert vor. Einige Wochen später saß denn

auch die Ehefrau weinend vor meinem Schreibtisch, nun wiederum mit

erheblichen körperlichen Beschwerden, weil sich inzwischen herausgestellt

hatte, dass ihr Ehemann schon monatelang eine andere Beziehung

eingegangen war, sich jetzt endgültig von ihr getrennt hatte und nun auch

sämtliche Beschwerden in dieser neuen Beziehung losgeworden war.

So stellte sich diese psychosomatische Erkrankung mit schweren

chronischen Schmerzen eher als klassischer neurotischer Konflikt oder

Konversationsneurose, in dem der Patient hin und her gerissen zwischen

alter und neuer Beziehung war, heraus, denn als Reaktivierung eines früh

erlittenen Traumas.

2. Fallbeispiel: Ich betreue seit etwa 10 Jahren eine inzwischen Mitte 30-

jährige junge Frau, die früher als Erzieherin in einem Kindergarten

gearbeitet hatte. Sie schien mir die ganzen Jahre psychisch hochgradig

auffällig, wollte mit mir aber nur körperliche Krankheiten besprechen. Über

psychische und psychosomatische Hintergründe hatten wir zunächst keinen

Austausch. Sie erbat jedoch regelmäßig ein- bis zweimal im Jahr eine

Wiedereinweisung in eine psychotherapeutische Spezialklinik für

posttraumatische Belastungsstörungen, die ich auch ausstellte, obwohl

sowohl die Patientin als auch die Klinik in ihren Arztbriefen mich relativ im

Unklaren ließen über die zu behandelnden Beschwerden der Patientin.

Nachdem wir uns im Laufe der Jahre besser und näher kennen gelernt

hatten, vertraute mir die Patientin an, dass sie einem umfangreichen

frühkindlichen sexuellen Missbrauch ausgesetzt gewesen sei durch sowohl

Männer und Frauen ihrer gesamten Familie sowie einem dazugehörigen

Täterkreis einer Sekte. Wieweit dies den Tatsachen entspricht oder auch im

Verlaufe der umfangreichen Psychotherapien noch konfabuliert ist, vermag

ich nicht zu beurteilen.

Tatsache ist jedoch, dass die Patientin sich als eine außerordentlich

traumatisierte und gequälte junge Frau darstellt. Sie hat zum einen eine

sogenannte multiple Persönlichkeit also eine schwerste dissoziative Störung

entwickelt, das heißt, sie besteht aus, wie sie sagt, Hunderten von

Innenpersonen, die sie abwechselnd beeinflussen und gelegentlich auch

handelnde Personen ihres jeweiligen Seins darstellen.

Hierbei handelt sich es sich ja nicht um psychotisches Erleben, sondern um

eine inzwischen als multiple Persönlichkeit bekanntes Krankheitsbild.

Darüber hinaus hat die Patientin aber, und das entspricht nun wieder

unserem Thema, eine Schmerzstörung, ein chronisches Schmerzsyndrom

entwickelt, das Schmerzen aller Gelenke und Muskelgruppen des gesamten

Körpers beinhaltet, auf herkömmliche Schmerzmittel und physikalische

Therapien so gut wie nicht anspricht, und sie so intensiv beeinträchtigt, dass

sie seit 2 Jahren eine Frührente erhält.

Es ist ihr zwar eingängig, dass es sich hier um ein psychosomatisches

Geschehen auf Grund der frühen traumatischen Erlebnisse handeln kann,

andererseits hat sie sich aber immer wieder in die Hände von

Schmerztherapeuten und anderen Fachärzten wie Orthopäden, Chirurgen

und Neurologen begeben, um etwaige organische Ursachen abzuklären.

Da diese anderen Fachärzte in der Regel von ihr nicht in ihre

Traumavorgeschichte eingeweiht werden, wurde das Krankheitsbild von

den Rheumatologen als beginnender Lupus erythematodes, den man nicht

behandeln könne, diagnostiziert. So hat die Erkrankung der Patientin

wenigstens einen Namen, der sie aber mehr ängstigt als beruhigt.

Nach 10-jähriger Beobachtung des Verlaufes habe ich den Eindruck, dass

die umfangreiche ambulante Psychotherapie und ihre zweimal pro Jahr

stattfindenden stationären Behandlungen den Krankheitsverlauf eher

verschlechtert als verbessert haben.

Immerhin haben die Patientin und ich eine stabile Beziehung an ihrem

Wohnort entwickelt, so dass sie jederzeit und relativ vertrauensvoll zu uns

kommen kann, wenn sie nicht mehr weiter weiß. Vielleicht ist das auch ein

hilfreicher therapeutischer Weg für diese gequälte junge Frau. Ihre

chronischen Schmerzen haben sich bisher von keiner der herkömmlichen

Therapiemethoden auch nur geringfügig bessern lassen, ebenso wenig wie

die PTSD behandelbar scheint.

3. Fallbeispiel: Seit einigen Jahren betreue ich eine nunmehr 52-jährige

Patientin, Immigrantin jugoslawischer Herkunft, ebenfalls alleinstehend, die

relativ wenig Verwandte und Freunde in Deutschland zu haben scheint. Sie

hat bis vor einem Jahr im Krankenhaus als Assistentin eines Professors

gearbeitet, für den Sie vorwiegend Laborarbeiten machen musste, die mit

erhöhter körperlicher Anstrengung verbunden waren. Seit ca. 2 Jahren klagt

die Patientin über ein zunehmendes chronisches Schmerzsyndrom mit fast

unerträglichen Schmerzen aller Gelenke und Muskelgruppen, das auch nach

umfangreicher Diagnostik und Therapie weder ursächlich geklärt noch

ausreichend behandelt werden konnte. Die Patientin selber führt die

Beschwerden auf die Belastungen von Schulter und Armen bei ihrer Arbeit

am Mikrotom in der Anatomie zurück.

Da sich im Laufe unserer Gespräche herauskristallisierte, dass eine

umfangreiche Vorgeschichte mit Gewalt und Kriegserlebnissen bei der

Patientin, also sehr offensichtlich auch hier ein psychosomatisches

Geschehen vorliegt, hat sie inzwischen mehrere Wochen in psychiatrischer

und psychosomatischer stationärer Therapie verbracht sowie eine

Psychotherapie begonnen.

Aber auch hier waren bisher alle Interventionen vergeblich. Weder die

Therapieversuche psychotherapeutischer noch medikamentöser Art noch

umfangreiche Physiotherapie erbrachten irgendeinen Erfolg. Die Patienten

ist daher seit 1 Jahr berentet, dadurch aber noch einsamer, noch

verzweifelter und noch suizidaler als zuvor.

Tragbar scheint im Moment einzig unser beider kontinuierliche Beziehung.

In unseren Gesprächen hat sich ergeben, dass die Patientin eines von acht

lebenden Kindern sehr kaltherziger und wohl auch vom Leben hart

gebeutelter Eltern in Jugoslawien war. Die Mutter der Patientin hat

mindestens zwei weitere ihrer neugeborenen Kinder eigenhändig

umgebracht, nämlich erwürgt oder im Wald ausgesetzt. Sie erzählte meiner

betroffenen Patientin schon als Kind, dass sie auch diese habe umbringen

wollen, dies aber nicht geglückt sei.

So muss die Patientin schon als Säugling das überaus beängstigende

Erlebnis des Tötungsversuchs durch die eigene Mutter mitgemacht haben.

Später hatte sie eine entbehrungsreiche Jugend. Der Vater der Patientin, der

als brutal und vom Leben gebeutelt geschildert wird, hat sich in ihrer frühen

Jugend umgebracht, die Mutter musste danach die Familie alleine ernähren.

Die Patientin hat mit einem ebenfalls brutalen Ehemann, von dem sie

inzwischen geschieden ist, zwei Söhne gehabt. Einer davon ist heute schwer

körperlich krank, der andere wurde vor wenigen Jahren in den

Auseinandersetzungen in den verschiedenen jugoslawischen Kriegen von

einer Mine zerfetzt. Dieses Ereignis, das die Patientin sich bis heute immer

wieder in allen blutigen Einzelheiten vorstellt, war der Auslöser für ihre

Schmerzkrise und ihre körperliche, im weitesten Sinne rheumatische

Erkrankung.

Inzwischen haben sich auch noch ein Bruder und nun zuletzt, vor einigen

Monaten die Mutter umgebracht, wobei die Gründe dafür unbekannt sind

und die Patientin darüber auch nicht spekulieren will. Jedenfalls hat die

Mutter, die sich wohl auch in Anbetracht ihres hohen Alters nicht mehr

alleine weiterhelfen konnte, dadurch einen Schlussstrich gesetzt, dass sie

eine Plastiktüte über ihren Kopf gezogen hat und darunter erstickte.

Seither wirkt die Patientin wie befreit. Sie lacht wieder, ist eher inadäquat

fröhlich, erklärt glaubhaft, dass der Tod der Mutter für sie wie eine

Befreiung sei und es ihr seitdem auch körperlich etwas besser gehe,

tatsächlich scheinen die körperlichen Schmerzen weniger zu werden.

Es bleibt abzuwarten, wie sich die letzten beiden Fälle weiterentwickeln

werden. Beide Patientinnen zeigen uns aber eindeutig einen Zusammenhang

zwischen früher Gewalterfahrung und erst im Erwachsenenalter

aufgetretenen chronischen Schmerzsyndromen. Zusammenfassend sprechen

alle neueren Untersuchungen dafür, dass Misshandlungen und andere

Gewaltereignisse einen erheblichen Beitrag zur Entstehung späterer

chronischer Schmerzen leisten. Dies sollte stets bei der Behandlung von

Schmerzpatientinnen bedacht und ggf. vorsichtig exploriert werden.


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