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Aktuelles

Lesen Sie hier aktuelle Informationen zu gesundheitspolitischen Themen der ÄKN und Berichte zu aktuellen Förderprojekten und der Arbeit der Gesellschaft der Freunde der MHH.

 AKTUELLES

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Veranstaltungen

DEFAULT : Frauenherzen schlagen anders
01.09.2004 14:30 ( 1225 x gelesen )

Frauengesundheit und frauenspezifische Gesundheitsforschung in der Bundesrepublik Deutschland


Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich begrü.e Sie herzlich auch im Namen der Ärztekammer Niedersachsen zu der heutigen

Veranstaltung hier im Frauengesundheitszentrum Hannover, die den Auftakt bildet für eine

ganze Reihe von aufklärenden Informationsveranstaltungen zum Thema Gesundheit,

insbesondere Gesundheit der Frau. Ich möchte auch meiner Freude darüber Ausdruck

verleihen, dass eine große Anzahl beteiligter Frauen inklusive auch meiner Organisation, der

Ärztekammer Niedersachsen, es geschafft haben, dieses Gesundheitszentrum für Frauen zu

etablieren, und dass es jetzt möglich sein wird, ein sehr umfangreiches, buntes und

informatives Programm für Frauen zu veranstalten. Ich bin stolz darauf, heute den Auftakt

gestalten zu dürfen und möchte Ihnen jetzt zum Thema "Frauenherzen schlagen anders",

d.h. zum Thema Herzkrankheiten bei Frauen und überhaupt Krankheitsursachen und

Krankheitsbehandlung bei Männern und Frauen allgemein referieren. Meine sehr geehrten

Damen und Herren, ich möchte Ihnen das heutige Thema mit zwei Fallbeispielen, wie sie

sehr typisch in der Medizin gefunden werden können, verdeutlichen:

Erstes Fallbeispiel: Der erste Fall handelt von einem 55-jährigen Mann, von Beruf Kraftfahrer

auf einem LKW, zusammenlebend mit seiner Frau. Zwei erwachsene Kinder, Ehefrau

halbtags beschäftigt als Verkäuferin in einer Bäckerei. Der Patient befindet sich

unregelmäßig in ärztlicher Behandlung, er hat einen hohen Blutdruck, 15 kg Übergewicht,

raucht 20 Zigaretten täglich, hat hohe Blutfette, nimmt die ihm verordneten Medikamente

nicht regelmäßig und bewegt sich sehr wenig, weil er, wenn er von seinen langen Fahrten

mit dem LKW zurückkommt, dazu zu erschöpft ist. Dieser Mann wacht morgens um 3.00 Uhr

plötzlich aus dem Schlaf auf, verspürt einen immer stärker werdenden erschreckenden

Schmerz in der Brust direkt unter dem Brustbein, der bis in den linken Arm und in die

Fingerspitzen hinein ausstrahlt. Der Mann fängt an zu schwitzen, bekommt schlecht Luft,

Angstzustände, ja fast Todesangst, weil der Schmerz schließlich so stark wird, dass er

denkt, seine Brust platzt ihm auf und seine letzte Stunde habe geschlagen. Er weckt seine

Frau, ruft: "Ich glaube, ich habe einen Herzanfall", die Ehefrau läuft zum Telefon,

benachrichtigt "112", meint wegen eines Herzinfarktes müsse sofort der Rettungswagen

kommen, legt ihrem Mann kalte Kompressen auf, hält seine Hand, beruhigt ihn, reicht etwas

kaltes zu Trinken und zieht ihm einen frischen Schlafanzug an, fängt schon einmal an, seine

Sachen zu packen. Nach 10 Minuten trifft der Notarztwagen ein, die Sanitäter schreiben ein

EKG, der Notarzt legt eine Infusion und spritzt schmerzlindernde und beruhigende

Medikamente. Im EKG sieht man, dass der Mann tatsächlich einen Herzinfarkt hat.

Daraufhin beginnt der Notarzt mit einer Blutverdünnung und bringt im Notarztwagen den

Patienten, so schnell es geht auf die nächste Intensivstation. Hier wird er sofort

weiterbehandelt, stabilisiert, und, sobald es ihm besser geht, ein Herzkatheter angefertigt.

Hier finden sich zwei völlig verschlossene Adern in seinem Herzen, sog. Verschlüsse der

Herzkranzgefäße, die dazu geführt haben, dass das Gewebe des Herzmuskels hinter den

Verschlüssen bereits droht abzusterben. Mit einem sog. Ballonkatheter, den man aufblasen

kann, werden die verengten Stellen sofort geöffnet und anschließend Metallröhrchen an

diese Stelle gesteckt, so dass die Durchblutung dort wieder gewährleistet ist. Offensichtlich

erholt sich der Herzmuskel hinter den verengten Stellen ganz gut, denn sofort geht es dem

betroffenen Patienten besser.

Mit den notwendigen Medikamenten stabilisiert er sich sehr schnell, kann nach einer Woche

nach Hause, fühlt sich dort so wohl, dass er zum Hausarzt gehen kann und sich unbegrenzt

weiter krankschreiben lässt. Nach weiteren zwei Tagen fährt er zu einer sog. Reha-

Maßnahme, d.h. zu einer Kur, wo man ihn 4 Wochen lang dann mit Training,

medikamentöser Behandlung, Schwimmen, Diät und Nichtrauchtraining so fit bekommt, dass

er nach 4 Wochen um 9 kg abgespeckt und fitter als vor seiner Erkrankung wieder nach

Hause fahren darf. Dort wird er von seinem Hausarzt weiter krankgeschrieben, weil er ja

doch einen ausgedehnten Herzinfarkt hatte. Er stellt nach einigen Wochen einen

Rentenantrag, der nach einem halben Jahr bewilligt wird, erhält dann eine gute Rente, bleibt

zuhause. Wenn dieser Patient sich weiterhin so gesund verhält, wie er es in der

Kurmaßnahme gelernt hat, dann kann er durchaus sein statistisch normales Sterbealter von

etwa Anfang 70 Jahren in guter Gesundheit erreichen.

Zweites Fallbeispiel: Bei der zweiten Patientin handelt es sich um eine 55- jährige Frau,

verheiratet mit einem gleichaltrigen berufstätigen Mann, zwei Kinder, die aus dem Haus sind.

Diese Frau hat seit fünf Jahren die Wechseljahre hinter sich, bietet an Vorerkrankungen bei

Normalgewicht einen stressbedingt leicht erhöhten Blutdruck. Sie arbeitet stundenweise bei

zwei Putzstellen schwarz, kümmert sich um das Enkelkind ihrer ältesten Tochter, versorgt

als Pflegeperson ihre beiden alten Schwiegereltern, die noch zuhause leben und von ihr den

Haushalt, Arztgänge und leichte pflegerische Maßnahmen erhalten. Dafür bekommt die

Patientin das Pflegegeld für beide von der Pflegekasse. Darüber hinaus kümmert sie sich um

das kleine Haus und den Garten, was sich die Eheleute dadurch, dass die Frau schwarz

arbeitet und Pflegegeld für die Schwiegereltern bekommt, leisten können.

Diese Patientin wacht nachts um 3.00 Uhr auf, weil ihr hundeelend ist, sie hat

Bauchschmerzen im gesamten Oberbauch, die etwas in die Brust ausstrahlen, ihr ist übel,

sie geht zur Toilette und muss sich zweimal erbrechen. Sie hat starke Schwei.ausbrüche,

Schüttelfrost, ihr wird heiß und kalt und sie fühlt sich einfach insgesamt richtig krank. Sie

nimmt zunächst ein Mittel gegen Magenbeschwerden und legt sich wieder hin, als dies nichts

hilft, nimmt sie noch eine von ihren Tabletten gegen hohen Blutdruck, weil dieser leicht

erhöht ist. Daraufhin wird ihr nicht besser, sondern ihr Herz fängt auch noch an,

Herzrhythmusstörungen zu produzieren, der Blutdruck sackt ab und ihr wird immer elender.

Schließlich, nachdem etwa eine Stunde vergangen ist, weckt sie ihren Mann. Als er endlich

wach ist, gibt er ihr noch ein anderes Magenmittel und tippt auf eine Lebensmittelvergiftung.

Schließlich wird ihm das Gejammer etwas zu viel und er ruft einen Krankenwagen. Nach

etwa 20 Minuten treffen die Sanitäter ein, erkennen, dass es der Frau wirklich schlecht geht

und rufen noch einen Notarztwagen dazu. Als dieser endlich eintrifft, ist die Patientin fast

nicht mehr bei Bewusstsein. Ihr Blutdruck ist stark abgesackt, sie hat nun auch Schmerzen in

der Brust, der Notarzt schreibt ein EKG, legt eine Infusion und erkennt, dass sie auch an

einem Herzinfarkt erkrankt ist. Er spritzt die entsprechenden Medikamente, aber in sehr

niedriger Dosierung, weil die Patientin sowieso schon kaum noch einen Blutdruck aufweist.

Sie wird, so schnell es geht, ebenfalls auf die nächste Intensivstation gefahren, allerdings

trifft sie dort etwa 1 ó Stunden später ein, als der vorher beschriebene Mann, nachdem der

Herzinfarkt stattgefunden hat. Vor Ort versucht man dann, die Patientin zu stabilisieren und

ihren Kreislauf wieder in Gang zu bringen, ihr Herz zu stärken. Da man nicht weiß, ob sie

nicht doch ein großes Magengeschwür haben könnte, denn sie hatte ja zunächst

Oberbauchbeschwerden, bekommt sie keine Blutverdünnung. Es dauert zwei Tage, bis die

Patientin einigermaßen stabil ist, erst dann erhält sie eine Magenspiegelung und

anschließend einen Herzkatheter. Dort findet man ebenfalls zwei völlig verschlossene

Herzkranzgefäße, diese werden wie bei dem oben beschriebenen Mann eröffnet und mit

Metallplättchen, sog. Stents, versehen. Inzwischen ist ihr Herzmuskel aber so geschädigt,

weil zwei Tage vergangen sind seit ihrem Herzinfarkt, dass sich das dahintergelegene

Gewebe nicht mehr erholt. Ihr Herzmuskel ist also sehr geschwächt. Die Frau braucht etwa

zwei Wochen, bis sie sich soweit erholt hat, dass man an eine Entlassung nach Hause

denken kann. Sie verweigert eine Reha- Maßnahme, d.h. eine Kur, weil sie meint, zuhause

unabkömmlich zu sein. Sie muss sich ja um Mann, Haushalt, Enkelkind und Schwiegereltern

kümmern. Zuhause dauert es noch mal ein halbes Jahr, bis es ihr etwas besser geht, auch

wenn Kardiologe und Hausarzt ihr alle nötigen Medikamente und Hilfen zukommen lassen.

Die Patientin kann nicht mehr putzen gehen, erhält natürlich kein Krankengeld, da sie ja

schwarz gearbeitet hat. Auch ein Rentenantrag kann natürlich nicht gestellt werden. Da

inzwischen die Pflege der Schwiegereltern von der Diakoniestation übernommen worden ist,

erhält das Ehepaar auch kein Pflegegeld mehr. D.h. nach der Erkrankung der Ehefrau haben

sie schlagartig weniger Geld zur Verfügung, und sie kann sich auch weniger gut um Haushalt

und Familie kümmern, d.h. eigentlich bräuchten sie noch eine Zugehfrau. Insgesamt haben

sich nach dem Herzinfarkt also sowohl der Gesundheitszustand, als auch die soziale Lage

und die Sorgen der Familie erheblich verschlechtert. Obwohl auch diese Patientin alle

notwendigen medizinischen Hilfen erhält, die nach einem akuten Herzinfarkt möglich sind,

kümmert sie die nächsten Jahre vor sich hin und stirbt relativ früh mit 60 Jahren, nachdem

auch ihre beiden Schwiegereltern gestorben sind, und weit bevor sie selbst ihr mögliches

statistisches Sterbealter von inzwischen rund 80 Jahren bei Frauen erreicht hat.

Meine sehr geehrten Zuhörerinnen und Zuhörer!

Anhand dieser beiden Fallbeispiele, wie ich sie selbst viele Male im Krankenhaus so und

ähnlich erlebt habe, können Sie unschwer erkennen, dass dieselbe Erkrankung, nämlich ein

Verschluss von zwei Arterien im Herzmuskel aufgrund verschiedener Risikofaktoren (hoher

Blutdruck, erhöhte Blutfette, Stress) bei einem Mann und bei einer Frau gänzlich anders

verlaufen können. D.h., gleiche körperliche Vorgänge können aufgrund von genetischen,

hormonellen, psychischen und sozialen Faktoren im Leben von Männern und Frauen

gänzlich unterschiedlich verlaufen und die Prognose einer Erkrankung sowie Diagnostik und

Therapie sehr unterschiedlich je nach Geschlecht beeinflussen. Solche Art Erkenntnisse sind

in der Medizin weltweit relativ neu. Die sog. frauenspezifische oder heute besser

"geschlechtsspezifische Gesundheitsforschung" hat sich erst in den letzten etwa 15 Jahren

etabliert. Sie findet langsam Eingang in medizinische Forschung, Lehre, Diagnostik und

Behandlung. Zu allen diesen Aspekten möchte ich Ihnen gleich noch referieren. Ich würde

gern aber noch einmal das Fallbeispiel erweitern und erläutern, damit Ihnen noch klarer

werden kann, was frauenspezifische Gesundheitsstörungen bedeuten.

In den letzten Jahren wurde im Rahmen verschiedenster Forschungsvorhaben festgestellt,

dass das Herzinfarktrisiko für Männer und Frauen insgesamt, d.h. in der Gesamtbevölkerung

zwischen 1985 und 1995 gesunken ist, dabei aber bei den Frauen drastisch zugenommen

hat. Mehr als die Hälfte der betroffenen Frauen stirbt am ersten Herzinfarkt, und was

tatsächlich in der Bevölkerung nicht bekannt ist, ist, dass nicht etwa der Brustkrebs sondern

tatsächlich Herz-Kreislauf- Erkrankungen die häufigste Todesursache bei Frauen sind. 52 %

der Frauen sterben an Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systemes, aber nur 48 % der

Männer. In einer amerikanischen Studie fand sich, dass während des stationären Verlaufes

nach einem Herzinfarkt 6,6 % der Frauen, aber nur 4,3 % der Männer starben. In

Deutschland erleiden derzeit 120.000 Frauen einen Herzinfarkt. Langfristig gesehen kann

man sagen, dass 44 % der Männer einen Herzinfarkt überleben, aber nur 38 % der Frauen.

Nun fragt man sich natürlich nach den Ursachen. Anhand unserer beiden Beispiele konnten

Sie dafür mehrere erkennen. Eine davon, noch weitgehend unerforscht, ist, dass Frauen bis

in die Wechseljahre hinein von den vom Körper produzierten Geschlechtshormonen, d.h. von

den Östrogenen, vor Arterienverkalkung und damit vor Herzinfarkt geschützt sind. Vor

diesem Zeitpunkt, als vor dem Ausbleiben der regelmäßigen Regelblutungen, sind Frauen

gegen einen Herzinfarkt weitgehend geschützt, danach steigt die Rate an Herz-Kreislauf-

Erkrankungen allerdings bei Frauen stark an. Hinzu kommt, dass inzwischen immer mehr

Frauen rauchen, dies offensichtlich schlechter vertragen als Männer, und dadurch die

Herzinfarktrate bei Frauen deutlich gestiegen ist. Auch kann man in unserer Bevölkerung

eine Tendenz zu immer mehr Übergewichtigen erkennen, im übrigen auch ein Feld, an dem

Sie als Lehrerinnen und Lehrer erheblich in der Gesundheitsbildung beitragen können. Alles

dies wären gesundheitliche Gründe, d.h. genetisch und körperlich bedingte Faktoren, die das

Herzinfarktrisiko von Frauen in den letzten Jahren erhöht haben. Wie Sie an unseren

Beispielen sahen, sind es aber vielmehr psychosoziale Gründe, die bei Frauen zu einer

höheren Sterblichkeitsrate an Herzinfarkt als bei Männern führen. Das dramatischste, was

ich schildern konnte, war ja, dass bei Frauen die typischen Symptome eines Herzinfarktes

ganz anders ausfallen als bei Männern: Unser Patient schilderte die uns allen bekannten

heftigsten Schmerzen in der Brust unter dem Brustbein, die einem Vernichtungsschmerz

gleich kommen und für uns alle als Alarmsignal gelten. Bei Frauen äußert sich ein

Herzinfarkt in der Regel in Oberbauchschmerzen, die auch in die Brust ausstrahlen können,

in allgemeinem Krankheitsgefühl und weniger dramatischen Symptomen als bei Männern.

Deswegen wird die Symptomatik bei Frauen oft nicht ernst genommen, Frauen neigen dazu,

auch erst einmal zu bagatellisieren, die Sorgen um die Familie in den Vordergrund zu stellen,

möchten nicht ins Krankenhaus eingewiesen werden, weil sie ihre familiären Verpflichtungen

wahrnehmen wollen und kommen - und das ist das Entscheidende - in der Regel eine

Stunde später in die Klinik als ein Mann mit einem vergleichbaren Herzinfarkt. Wie Sie an

unserem Beispiel gesehen haben, verschlechtert dies, nämlich die verzögerte

Erstversorgung, die Überlebenschancen nach dem Herzinfarkt ganz erheblich. Wegen der

unterschiedlichen Symptomatik wird bei Frauen auch nicht primär an einen Herzinfarkt

gedacht. So zeigte eine amerikanische Studie, dass eine Herzkatheteruntersuchung in den

ersten 48 Stunden nach Infarkt bei 49 % der Männer, aber nur bei 37 % der Frauen, und

eine Eröffnung der verschlossenen Adern nur bei 20 % der Frauen, aber bei 32 % der

Männer vorgenommen wurde. Auch dies führt natürlich zu einer schlechteren

Langzeitprognose. Ganz entscheidend ist darüber hinaus, dass Frauen in sehr viel

geringerem Maße nach der Krankenhausbehandlung eine sog. Rehabilitation, d.h. eine Kur

zur Verbesserung des Allgemeinzustandes antreten wollen. Sie fühlen sich in der Regel, wie

auch bei unserem Beispiel, so eingeengt von ihren familiären Pflichten, dass sie meinen,

nicht für längere Zeit wegfahren zu können. Auch dies senkt die Überlebenschancen. Ein

weiterer gravierender Aspekt bezüglich der psychosozialen Faktoren ist darüber hinaus,

dass mit zunehmenden Lebensalter die meisten Männer noch von ihren Frauen versorgt

werden, ein immer größer werdender Teil der Frauen aber allein lebt. Sie haben 1., wenn der

Herzinfarkt eintritt, niemanden, der ihnen Hilfe holt und ihnen beisteht. Sie haben 2. nach der

Erkrankung wiederum niemanden, der sie versorgt und pflegt, zumindest nicht in dem Maße

wie eine Ehefrau es normalerweise für ihren kranken Ehemann tut.

Ich denke, es ist Ihnen klar geworden, dass bei Frauen Herz-Kreislauf-Erkrankungen das

stärkste Gesundheitsrisiko im Leben darstellen. Gegenüber männlichen Patienten bestehen

wesentliche Unterschiede in Diagnostik und im Krankheitsverlauf. Um unsere - kann man in

diesem Fall ja sagen - Sterblichkeit zu senken, müssen diese Erkenntnisse in medizinische

Forschung, Lehre, d.h. den Studentenunterricht der Medizinstudenten, und in die Köpfe der

bereits arbeitenden Ärztinnen und Ärzte transportiert werden. Dies geschieht nun auch.

Inzwischen ist die Medizin soweit, dass wir sagen, es geht nicht nur darum,

frauenspezifische Gesundheitsforschung zu betreiben, sondern zu schauen, wo sind Männer

und Frauen unterschiedlich und anders krank. Die geschlechtsspezifische

Gesundheitsforschung hat in den letzten 15 Jahren einen deutlichen Aufschwung erlebt. Ich

möchte Ihnen daher einige wesentliche Erkenntnisse vortragen:

Dass die speziellen, geschlechtsbedingten Erkrankungen, die bei Frauen und Männern mit

den Fortpflanzungsorganen, mit Schwangerschaft und Geburt zusammen hängen, intensiv

erforscht und hervorragend behandelt werden, versteht sich von selbst. Aber bezüglich der

männlichen Gesundheit haben sich folgende wichtigen Aspekte ergeben: Jungens sind in

den ersten Lebensjahren bis zur Pubertät deutlich anfälliger und deutlich häufiger erkrankt

und beim Arzt als Mädchen. Die Natur trägt dem Rechnung, indem schon immer auf 100

Geburten von Mädchen etwa 107 Geburten von Jungen kommen. Offensichtlich will die

Natur hier die höhere Sterblichkeit von kleinen Jungen langfristig ausgleichen. Nach der

Pubertät sind dann die Arztbesuche von jungen Mädchen und Frauen deutlich häufiger als

die von Jungen und Männern, was sich ja schon zumindest in den ersten Jahren mit

frauenspezifischen Erkrankungen der Geschlechtsorgane erklären lässt. Was Männer

angeht, so sind sie erheblich stärker bedroht als Frauen, Unfälle zu erleiden oder daran zu

sterben. Männer sind erheblich selbstmordgefährdeter als Frauen. Männer rauchen deutlich

mehr und haben dadurch auch mehr Erkrankungen der Atmungsorgane. Männer zeigen eine

erhöhte Rate an Alkoholismus. Männer nehmen kaum Vorsorgeuntersuchungen in

Anspruch, gehen insgesamt seltener zum Arzt, werden aber, wenn sie denn ärztliche Hilfe in

Anspruch nehmen wollen, mit mehr technischen Mitteln untersucht.

Nach neueren Studien erhalten Männer, da man sie in der Regel für organisch krank hält,

teurere Medikamente als Frauen.

Frauen gehen deutlich öfter zum Arzt als Männer, vor allem nehmen sie allerdings auch in

etwa viermal so hoher Zahl an Krebsvorsorgeuntersuchungen teil. Frauen bekommen mehr

Medikamente verschrieben als Männer, nach den neueren Studien allerdings die

preiswerteren, und vor allem im hohen Maße Psychopharmaka. Frauen haben subjektiv ein

schlechteres Befinden, leiden häufiger unter Schwindelanfällen, Kreislaufbeschwerden und

Kopfschmerzen ohne organischen Befund. Der Anteil der Frauen an Erkrankungen mit

Essstörungen beträgt 90 %, ihr Anteil an den psychischen Erkrankungen 60 %. Allerdings

sind echte Psychosen, d.h. wahnhafte Störungen, bei Männern und Frauen gleich häufig.

Depressionen werden allerdings bei Frauen dreimal so häufig diagnostiziert als bei Männern.

In einer Untersuchung aus dem Jahre 1987 fanden sich psychosomatische Erkrankungen

nur zu 18 % bei Männern, aber zu 34 % bei Frauen. Um noch einmal in den psychosozialen

Bereich zu gehen, so zeigen neuere Untersuchungen, dass allein erziehende Mütter

auffallend häufiger krank werden als Frauen, die in einer kompletten Familie leben. Sie sind

darüber hinaus besonders anfällig für Burn-Out-Prozesse. Bei allein erziehenden Männern

hingegen gibt es in puncto Gesundheit kaum Unterschiede zu verheirateten Männern. Dies

wird damit erklärt, dass ein Mann, der allein erzieht, in der Gesellschaft einen völlig anderen

Status als eine Frau in gleicher Lage hat. Wen wundert es da, dass Frauen häufiger und

mehr Beruhigungs-, Schlaf- und Schmerzmittel sowie Antidepressiva verordnet bekommen?

Trotz dieser unterschiedlichen psychosozialen und organischen Lebensbedingungen, die

Frauen offensichtlich vermehrt und anders krank sein lassen als Männer, werden Frauen

heute durchschnittlich 81 Jahre alt und leben durchschnittlich 6 Jahre länger als Männer. Die

Ursachen hierfür sind noch nicht ganz bekannt, aber zur Diskussion stehen folgende: Frauen

haben eine bessere biologische Konstitution, eine bessere Immunabwehr, vor allem achten

sie aber mehr auf sich und führen einen weniger riskanten Lebensstil.

Zusammenfassend lässt sich sagen:

Sowohl medizinische Forschung und Lehre, d.h. Studentenunterricht, als auch die

Behandlung müssen sich vermehrt den bisher vernachlässigten geschlechtsspezifischen

Aspekten in der Krankheitsentstehung, ihren molekularen, hormonellen und psychosozialen

Grundlagen widmen. In der Forschung geschieht dies zunehmend. So hat sich

herausgestellt, dass bis in die neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts hinein fast die

gesamte Forschung am Menschen, vor allem die Forschung im Bereich Arzneimittel, an

jungen und gesunden Männern stattgefunden hat. Frauen wurden immer wieder von

Forschungsarbeiten ausgeschlossen, weil die Gefahr der Schwangerschaft während der

Studie besteht, weil sie andere hormonelle Einflüsse haben, d.h. ihr Zyklus könnte stören,

und weil bis in unsere Zeit hinein meiner Meinung nach immer noch der Mann als Maß aller

Dinge gilt und Forschung deswegen eben an männlichen Individuen stattfinden sollte und

musste. Auch, weil eben gar nicht in den Köpfen der Forscher verankert war, dass Männer

und Frauen sich erheblich in ihren Stoffwechselfunktionen und in ihren Bedürfnissen

unterscheiden, dass Frauen z.B. erheblich geringere Mengen an Medikamenten benötigen

und auf viele Medikamente anders reagieren als Männer. Alles dies wird inzwischen

berücksichtigt, Studien finden inzwischen an den Patientengruppen statt, für die sie auch

gedacht sind. Frauen werden in allen Studien entsprechend ihrem Anteil an der jeweilig

untersuchten Klientel mit einbezogen. Aber, gerade noch einmal im Hinblick auf Herz-

Kreislauf-Erkrankungen gedacht: Es gibt immer noch keine ausreichenden

Untersuchungsergebnisse über die Prognose von Frauen mit erhöhten Cholesterinwerten.

Bezüglich des Studentenunterrichtes finden sich inzwischen an so gut wie allen

medizinischen Fakultäten spezielle Lehrstühle oder zumindest Vorlesungen und Seminare

zum Thema "Krankheit und Gender", d.h. zu geschlechtsspezifischen Erkrankungen. Ebenso

bemüht sich die Ärzteschaft, vor allem Bundesärztekammer und Landesärztekammern, die

Ihnen heute umfangreich geschilderten Aspekte auch in die Fortbildung der schon tätigen

Ärztinnen und Ärzte einfließen zu lassen und ihren Einfluss darauf auszuüben, dass dieses

Wissen über geschlechtsspezifische Erkrankungsmuster auch der Bevölkerung vermittelt

wird.

Insofern ist die heutige Fortbildungsveranstaltung, meine Damen und Herren, ein

wesentlicher Schritt dazu, Ihnen und denen, die von Ihnen unterrichtet werden, zu vermitteln,

dass Männer und Frauen anders krank sind und dass Veränderungen in den

Krankheitsbildern von Männern und Frauen nur erreichbar sind über eine entsprechende

umfangreiche Gesundheitsbildung und Anleitung zur Prävention schon ab dem frühen

Kindesalter. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Vortrag Frau Dr. med. Cornelia Goesmann Stellvertretende Präsidentin der Ärztekammer

NiedersachsenIch begrü.e Sie im Namen des Vorstandes der Ärztekammer Niedersachsen

recht herzlich zur heutigen Veranstaltung:

Mit einem gewichtigen Thema. Das "Focus" und "Stern" vor einem Vierteljahr auf ihren

Titelseiten platzierten: Hier als "Die Diätrevolution", dort als "Abnehmen mit Spaß.

Generation XXL. Warum unsere Kinder immer dicker werden. Was Eltern dagegen tun

können". Zur Information einer gemeinhin als "aufgeklärt" geltenden Leserschaft, gleichwohl

Laien.

Sie bearbeiten dieses Thema als ausgewiesene Experten unter dem Gesichtspunkt

Diagnostik – Ursachen und der Vorstellung ausgewählter Therapieprogramme. Gespannt

sein dürfen wir alle auf das Einführungsreferat von Frau Dr. Bruns-Philipps, die aufzeigt, wie

es in Niedersachsen um "Übergewicht bei Schulanfängern - Eine Auswertung von

Schuluntersuchungen 1993 - 2003" steht.

Die Ärztezeitung schrieb am 15. Juli dieses Jahres (ich zitiere): "Übergewicht und

Fettleibigkeit sind Definitionssache". Ferner: "In Deutschland gibt es bisher keine

einheitlichen Standards zur Beurteilung des Körpergewichtes bei Kindern" sowie "Statur

vermutlich größtenteils genetisch bedingt".

Will man die Komplexität dieses wichtigen Themas und seiner zunehmenden Problematik

erfassen, so wäre eine Unzahl mitursächlicher Faktoren zu berücksichtigen.

Ich möchte nur auf einige Aspekte hinweisen, die uns alle betroffen machen sollten:

Kinder, von denen es heißt, sie "seien unsere Zukunft", tragen schwer an unserer

technisierten, auf Hoch- und Höchstleistungen getrimmten, einer dem Lifestyle und Erfolgen

Tribut zollenden, mit zunehmenden sozialen Ungleichgewichten kränkelnden Gesellschaft:

Noch nie waren die raffinierten Verführungen des Konsums so groß wie heute.

Noch nie war die Kluft zwischen Arm und Reich in unserer Gesellschaft evidenter als

heute.

Die ganze Misere verdeutlicht folgendes – nur unvollständig wiederzugebendes - schwer

verdauliche Mixtum compositum: Bewegungsmangel, Vereinsamung, Schlüsselkinder, Fast

Food, Kummerspeck, Diät-Revolutionen, BMI, Verdrahtung der Kiefer, Magenverkleinerung,

Fettabsaugung, Unterernährung, Jojo-Effekt, Bulimie, Magersucht usw.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, diese längst nicht vollständige Liste zeigt, mit oder

gegen was Sie kämpfen. Heute übliche Schuldzuweisungen an "die Gesellschaft" oder "die

Schule" greifen hier nicht!

Die zu recht postulierte, gleichwohl leichtfü.ig übergangene "Eigenverantwortung" ist

Kindern kaum abzuverlangen! Und nicht immer können und sollen Medizin und Psychologie

"es schon richten". Auf Kosten der Solidargemeinschaft.

In erster Linie sind die Eltern gefordert, Beispiel zu geben! Ein gutes Beispiel zu geben. Um

damit den Grundstein für ein gelungenes Leben zu legen. Denn:

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr!

Dr. med. Cornelia Goesmann

Vizepräsidentin der Ärztekammer Niedersachsen!


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Als Mitglied in verschiedenen berufspolitischen Gremien von Ärztekammer und Kassenärztlicher Vereinigung nimmt Frau Dr. Goesmann umfangreiche gesundheitspolitische Tätigkeiten und Verantwortlichkeiten war und publiziert zu zahlreichen Themen:

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