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DEFAULT : Das Restless Legs Syndrom II
01.06.2000 20:40 ( 3178 x gelesen )

Zappelphilipp" in der Hausarztpraxis - oder:
Das Restless-legs-Syndrom (RLS) / Teil II

Dr. Cornelia Goesmann
Nieders. Ärzteblatt 2000/06


Vom 1. April 1999 bis zum 31. März 2000 stellten sich in unserer hannoverschen Allgemeinpraxis insgesamt 72 Patientinnen und Patienten mit einem Restless-legs-Syndrom in meiner Sprechstunde vor.


Anlaß dazu war entweder die Zuweisung durch andere Kolleginnen und Kollegen oder die spontane Anmeldung von Patientinnen und Patienten, die im April 1999 die Fortbildungsveranstaltung von Selbsthilfegruppe und Ärztekammer Niedersachsen im Ärztehaus Hannover zu diesem Thema besucht hatten. Bei den schon bis zu 40 Jahren Erkrankten handelte es sich um 24 männliche und 48 weibliche Patienten, was in etwa der weltweit bekannten Verteilung von 1/3 Männern zu 2/3 Frauen entspricht. Die jüngste Patientin war 35, die älteste 89Jahre alt; das Gros der Patienten befindet sich im Altersbereich von 60 bis 80 Jahren."


In der Vorgeschichte berichteten die Betroffenen über folgende Begleiterkrankungen, bei denen ein Zusammenhang zum RLS möglich wäre oder diskutiert wird:
Zweimal war bei den 72 Patientinnen und Patienten die Erkrankung nach einer Borreliose aufgetreten. Sieben Betroffene berichteten über ein überstandenes oder noch in Behandlung befindliches Tumorleiden, bei fünf Patienten waren eine Polyneuropathie, bei sieben weiteren psychische Probleme nachgewiesen worden. Nur zwei Patientinnen hatten Schilddrüsenerkrankungen erlitten, was eher unterdurchschnittlich viel zu sein scheint, und bei vier Patientinnen und Patienten bestand gleichzeitig eine Fibromyalgie oder eine chronische Polyathritis, wobei für beide Erkrankungen ein Zusammenhang zum RLS zu bestehen scheint.
Zur bisherigen Therapie wurde folgendes berichtet: Drei Patientinnen und Patienten waren erfolgreich mit Akupunktur behandelt worden, ein Patient beschwerdefrei unter homöopathischer Medikation, in zwei weiteren Fällen hatten Eisenpräparate bzw. Codein zur Erleichterung geführt, ein Patient nahm überhaupt keine Medikamente und drei weitere Patientinnen und Patienten kamen mit Analgetika und NSAR zurecht.
Von unseren 72 Patientinnen und Patienten wurden 40 über ein Jahr kontinuierlich behandelt, 32 weitere stellten sich lediglich zu einmaliger oder kurzfristiger Behandlung und Beratung vor. Ob sie unsere Behandlung nicht weiter aufsuchten, weil sie unzufrieden oder im Gegenteil sogar sehr zufrieden waren und daher keiner weiteren Behandlung bedurften, bleibt ungeklärt.
Insgesamt 60 Patientinnen und Patienten von der Gesamtgruppe der 72 erhielten, entweder vom Vorbehandler oder dann durch unsere Praxis darauf eingestellt, das Therapieprinzip der ersten Wahl, nämlich Levo-Dopa in retardierter und/oder unretardierter Form. 38 Patientinnen und Patienten gaben hierunter einen guten bis sehr guten Behandlungserfolg an, sechs Betroffene einen mäßigen Erfolg und bei vier Patienten blieb L-Dopa wirkungslos. Bei zwölf Patienten erhielt ich keine Rückmeldung, vermutlich wurde es ihnen, falls erfolgreich, von ihren früheren Hausärzten weiterverordnet. Drei Patientinnen und Patienten erhielten in Monotherapie das Schmerzmittel Tilidin, elf Patienten in Kombination mit Parkinsonmitteln, insgesamt konnte hierbei stets ein guter Behandlungserfolg erzielt werden. Bei sechs weiteren Patientinnen und Patienten führte die zusätzliche Gabe eines Antidepressivums zu mehr Schlaf und Lebensqualität. Bei neun Patientinnen und Patienten war die alleinige Gabe von Levo-Dopa nicht ausreichend, hier wurde jeweils eine längere Kombinationsphase mit den bisher erprobten Dopamin-Agonisten erforderlich, bis aus dieser Gruppe eines der entsprechenden Medikamente (evtl. auch in Kombination mit Levo-Dopa) zum Sistieren der typischen Beschwerden nachts und auch tagsüber führte. Bei drei Patientinnen war zu dieser Kombinationstherapie hinzu noch die weitere Gabe von Benzodiazepinen oder Schlafmitteln nötig, um ein Durchschlafen zu garantieren.
Als Fazit aus diesen 72 Therapieverläufen zeichnet sich nach einem Jahr folgendes ab:

•    Junge Patientinnen und Patienten ohne Begleiterkrankungen sind in der Regel komplikationslos mit geringen Dosen Levo-Dopa als Monotherapie einstellbar, um eine befriedigende Ein- und Durchschlafqualität zu erzielen.
•    Alte und multimorbide Betroffene mit sich überlagernden Krankheitsbildern bei Polyarthrose, Polyneuropathie, Tumorleiden, Anämien, Durchblutungsstörungen und Varizen sind sehr schwer einstellbar, um sowohl am Tage wie auch nachts Schmerzfreiheit und eine ausreichende Schlafqualität zu erreichen. In diesem Fällen ist stets eine Kombination aus Levo-Dopa, Dopamin-Agonisten, Schmerzmitteln und/oder Schlafmitteln nötig.
•    Es bedarf weiterer Forschung, welchen Anteil an den Beschwerden und welche Einflüsse Tumorleiden, Nervenerkrankungen und Muskelerkrankungen auf das RLS haben.
•    Sehr auffällig erscheint mir, wobei diesbezüglich noch kein Austausch mit anderen, speziell am RLS arbeitenden Ärztinnen und Ärzten stattgefunden hat, daß es sich bei der betroffenen Klientel durchweg um sehr aktive, lebensbejahende, interessierte und intelligente Menschen in gehobenen oder anspruchsvollen Berufen handelt. Warum sich einfacher strukturierte und weniger aktive Patientinnen und Patienten bisher nicht zur Behandlung vorstellten, kann nur spekuliert werden.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß das RLS-Syndrom von all den Krankheitsbildern, die täglich in der Allgemeinpraxis behandelt werden, am meisten therapeutisches Suchen, Kombinieren und Fingerspitzengefühl verlangt, was die erfolgreiche Zusammenstellung der Arzneitherapie angeht. Bis zur Beschwerdefreiheit erfordert es oft ein langwieriges Kombinieren der verschiedenen Medikamentengruppen. Der Behandler kann die Betroffenen nur um recht viel Geduld mit sich selbst und seinen Ärztinnen und Ärzten bitten. Darüber hinaus ist im Sinne der meist jahrzehntelang erkrankten und oft verzweifelten Patientinnen und Patienten eine reibungslose Zusammenarbeit zwischen Hausärzten, Neurologinnen und Neurologen sowie spezialisierten stationären Abteilungen wünschenswert. Eine solche Kooperation scheint derzeit in Niedersachsen auf einem guten Weg!


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